Die Preisstrategie ist weit mehr als nur eine Zahl auf einem Etikett. Sie bestimmt, wie dein Unternehmen im Markt wahrgenommen wird, welche Kund:innen du ansprichst, wie profitabel du arbeitest und wie nachhaltig dein Geschäftsmodell ist. Besonders für kleine Marken ist die bewusste Wahl einer Preisstrategie entscheidend, um sich zwischen Billiganbietern und Premiummarken zu positionieren – und langfristig stabile Margen zu erzielen.
In diesem Artikel schauen wir uns die wichtigsten Preisstrategien im Überblick an, erklären ihre Vor- und Nachteile und zeigen, welche Faktoren du bei der Wahl der passenden Strategie berücksichtigen solltest.
Was ist eine Preisstrategie?
Eine Preisstrategie ist der langfristige Plan eines Unternehmens zur Festlegung und Weiterentwicklung seiner Preise, um übergeordnete Geschäftsziele wie Gewinn, Wachstum, Marktanteil oder Markenpositionierung zu erreichen.
Sie beschreibt also nicht den konkreten Preis eines Produkts, sondern den grundsätzlichen Weg, wie Preisentscheidungen getroffen und gesteuert werden sollen.
Dabei legt die Preisstrategie fest:
- auf welchem Preisniveau du dich am Markt positionierst,
- wie du dich gegenüber dem Wettbewerb abgrenzt,
- und wie du auf Marktveränderungen reagierst, ohne deine langfristige Linie zu verlieren.
Kurz gesagt: Die Preisstrategie ist der Kompass deiner Preisentscheidungen.
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
- Preiskalkulation: Sie liefert die betriebswirtschaftliche Grundlage – also die Preisuntergrenze, die deine Kosten deckt und die gewünschte Marge ermöglicht. → Frage: „Welcher Preis ist notwendig, damit es sich rechnet?“
- Preisstrategie: Sie definiert den grundsätzlichen Ansatz und Zielrahmen – ob du über niedrige Preise wachsen, über Exklusivität Differenzierung erzielen oder Marktanteile gezielt aufbauen willst. → Frage: „Welche Rolle soll der Preis für meinen Markterfolg spielen?“
- Preispolitik (Pricing Policy): Sie übersetzt die Strategie in konkrete Leitplanken und Regeln – etwa für Rabatte, Staffelpreise oder Preisanpassungen. → Frage: „Welche Spielräume haben wir im täglichen Geschäft?“
- Preistaktiken: Kurzfristige Maßnahmen wie Rabatte, Bundles, Einführungspreise oder psychologische Preispunkte. Sie sind operativ und dienen dazu, strategische Ziele umzusetzen. → Frage: „Wie setzen wir unsere Strategie im aktuellen Marktumfeld um?“
Vier klassische Preisstrategien im Überblick
Es gibt viele Varianten und Mischformen, doch vier Grundstrategien bilden die Basis für fast alle Preismodelle. Besonders für kleine Marken sind sie praxisrelevant, um eine klare Richtung zu wählen:
- Niedrigpreisstrategie
- Hochpreisstrategie (Premiumstrategie)
- Penetrationsstrategie (Marktdurchdringungsstrategie)
- Abschöpfungspreisstrategie (Skimmingstrategie)
1. Niedrigpreisstrategie – Preis als Wettbewerbsvorteil
Bei der Niedrigpreisstrategie wird bewusst ein niedriger Preis gewählt, um Kund:innen über den Preis zu gewinnen. Das Ziel ist, hohe Absatzmengen zu erzielen und über die Masse den Gewinn zu generieren – nicht über die Marge pro Stück.
Typische Merkmale:
- Geringe Gewinnspanne pro Einheit
- Fokus auf Effizienz, Skalierbarkeit und niedrige Kosten
- Zielgruppe: preissensible Kund:innen
- Preisbewusstsein ist Teil der Markenidentität
Beispiel:
Discounter wie Aldi oder Action setzen konsequent auf diese Strategie. Im digitalen Bereich findet man sie bei Einsteiger-Softwareplänen oder Plattformen mit hohen Nutzerzahlen.
Chancen und Risiken:
Vorteile: Leichte Kaufentscheidung, schnelle Marktdurchdringung, hohe Stückzahlen.
Nachteile: Geringe Margen, starker Preisdruck, begrenzte Differenzierung.
Bewertung:
Für Manufakturen, Handwerksbetriebe oder kreative Produzentinnen ist die Niedrigpreisstrategie meist nicht tragfähig, weil sie hohe Stückzahlen und starke Kostendegression voraussetzt. Sie funktioniert nur, wenn du Prozesse stark automatisieren oder standardisieren kannst.
2. Hochpreisstrategie – Preis als Qualitätsversprechen
Die Hochpreisstrategie (oder Premiumstrategie) zielt auf ein überdurchschnittliches Preisniveau, um Exklusivität, Qualität und Markenwert zu vermitteln. Der Preis ist dabei Teil der Markenbotschaft und Ausdruck eines besonderen Leistungsversprechens.
Typische Merkmale:
- Überdurchschnittliche Qualität, Service oder Designanspruch
- Zielgruppe: qualitäts- und markenorientierte Kund:innen
- Geringere Absatzmenge, höhere Marge
- Starke Markenkommunikation notwendig
Beispiel:
Apple, Tesla oder hochwertige Manufakturen setzen auf diese Strategie. Auch kleine Marken mit handgemachten oder nachhaltigen Produkten nutzen sie erfolgreich, indem sie Qualität, Storytelling und Markenidentität konsequent verbinden.
Chancen und Risiken:
Vorteile: Hohe Marge pro Produkt, starke Kundenbindung, Unabhängigkeit von Preiskämpfen.
Nachteile: Höherer Kommunikationsaufwand, geringere Absatzmengen, längere Entscheidungsprozesse.
Bewertung für kleine Marken:
Diese Strategie ist oft die logischste Wahl, wenn du auf Qualität, Nachhaltigkeit oder Individualität setzt. Sie erfordert aber konsequente Markenführung: Produkt, Auftritt und Service müssen den Preis rechtfertigen.
3. Penetrationsstrategie – schnell in den Markt, dann Preis anheben
Die Penetrationsstrategie (Marktdurchdringungsstrategie) nutzt anfangs einen niedrigen Preis, um schnell Marktanteile zu gewinnen und Kund:innen an die Marke zu binden. Sobald Vertrauen und Reichweite aufgebaut sind, wird der Preis schrittweise erhöht.
Typische Merkmale:
- Niedriger Einführungspreis
- Ziel: Marktanteil, Bekanntheit, Kundengewinnung
- Spätere Preisanpassung auf Zielniveau
- Geeignet bei Neueinführungen oder Innovationsprodukten
Beispiel:
Streamingdienste wie Disney+ oder Spotify starteten mit günstigen Einstiegspreisen und erhöhten diese später. Auch kleine Marken nutzen den Ansatz bei Produktlaunches oder Markteintritten, um Hürden zu senken.
Chancen und Risiken:
Vorteile: Schnelle Kundenakquise, Markteintritt erleichtert, Aufbau von Vertrauen.
Nachteile: Risiko einer „Billigwahrnehmung“, Preiserhöhungen müssen gut kommuniziert werden.
Bewertung:
Diese Strategie ist sinnvoll bei neuen Produkten, wenn du Reichweite aufbauen möchtest – aber sie braucht eine klare Planung für den Preisanstieg. Eine dauerhafte Niedrigpreiswahrnehmung kann die Marke sonst schwächen.
4. Abschöpfungspreisstrategie – hohe Preise zum Start, dann schrittweise senken
Die Abschöpfungsstrategie (Skimmingstrategie) beginnt mit hohen Einführungspreisen, um zunächst die zahlungsbereiten Kund:innen anzusprechen. Der Preis wird dann schrittweise gesenkt, um weitere Zielgruppen zu erreichen. Ziel ist es, in jeder Marktphase den maximalen Gewinn „abzuschöpfen“.
Typische Merkmale:
- Hoher Startpreis, gezielte Reduktion über Zeit
- Ideal für Innovationen oder limitierte Produkte
- Bedarf an klarer Preisplanung und Kommunikation
Beispiel:
Technikhersteller wie Sony oder Apple nutzen diese Strategie bei neuen Modellen. Auch Manufakturen mit limitierten Kollektionen können davon profitieren, z. B. bei handgefertigten Sondereditionen.
Chancen und Risiken:
Vorteile: Hohe Anfangsmargen, gezielte Nachfragekontrolle, planbare Entwicklung.
Nachteile: Erfordert Disziplin in der Kommunikation; Preissenkungen können Bestandskund:innen irritieren.
Bewertung:
Ideal bei limitierten oder saisonalen Angeboten mit hoher Anfangsnachfrage – vorausgesetzt, du kommunizierst die Preisentwicklung transparent.
Welche Strategie passt zu deinem Unternehmen?
Die passende Preisstrategie hängt von mehreren Faktoren ab:
Zielgruppe:
Wie preissensibel sind deine Kund:innen? Wofür sind sie bereit, mehr zu zahlen? Welche Werte sind für sie kaufentscheidend?
Markenpositionierung:
Wie möchtest du wahrgenommen werden – als günstig, hochwertig oder innovativ? Welche Rolle spielt Vertrauen, Exklusivität oder Erreichbarkeit?
Kostenstruktur:
Welche Marge brauchst du, um nachhaltig zu arbeiten? Wie skalierbar ist deine Produktion?
Wettbewerbsumfeld:
Wo positionieren sich vergleichbare Anbieter? Welche Preisspanne herrscht am Markt, und möchtest du dich darin oder bewusst außerhalb bewegen?
Unternehmensphase:
Bist du im Aufbau, Wachstum oder bereits etabliert? Suchst du Reichweite oder Stabilität?
In der Praxis entstehen häufig Mischformen:
- Ein neues Produkt startet mit einer Penetrationsstrategie und wird später in eine Hochpreisstrategie überführt.
- Eine Marke kombiniert Premiumpreise im Kerngeschäft mit Einsteigerangeboten zur Kundengewinnung.
- Limitierte Sondereditionen folgen einer Abschöpfungslogik, während Standardprodukte stabil bepreist bleiben.
Wichtig ist, dass alle Preiskomponenten – Produkte, Aktionen, Rabatte – zur Gesamtstrategie passen.
Warum die Preisstrategie mehr beeinflusst als nur den Preis
Die Wahl deiner Preisstrategie wirkt tief in dein gesamtes Geschäftsmodell hinein. Sie prägt, wie du produzierst, kommunizierst und verkaufst.
1. Produktentwicklung und Qualität
Eine Hochpreisstrategie erfordert konsequent hochwertige Materialien, durchdachtes Design und besondere Verarbeitung. Eine Niedrigpreisstrategie dagegen verlangt schlanke Prozesse, standardisierte Abläufe und Effizienz in Produktion und Einkauf.
Beispiel:
Eine kleine Seifenmanufaktur, die Premiumpreise verlangt, investiert in ausgewählte Rohstoffe, nachhaltige Verpackungen und Storytelling. Eine Marke mit Niedrigpreisfokus optimiert dagegen auf Mengenproduktion und schlichte Ausstattung.
2. Service und Kundenerlebnis
Kund:innen, die höhere Preise zahlen, erwarten persönlichen Service, Zuverlässigkeit und professionelle Kommunikation. Niedrigpreis-Kund:innen legen mehr Wert auf Schnelligkeit und einfache Abläufe.
Die Servicegestaltung muss also zur Preisstrategie passen – vom E-Mail-Tonfall bis zur Retourenabwicklung.
3. Markenauftritt und Außendarstellung
Dein Preis kommuniziert dein Markenversprechen.
Ein hoher Preis verlangt einen professionellen, konsistenten Markenauftritt – in Design, Sprache und Verhalten. Eine Niedrigpreisstrategie kann mit Pragmatismus, Direktheit und Einfachheit punkten.
Kurz gesagt: Deine Preisstrategie bestimmt dein Branding mit.
4. Vertrieb und Marketing
Auch die Vertriebswege hängen mit der Preisstrategie zusammen:
- Hochpreisige Produkte funktionieren über Beratung, Vertrauen und persönliche Beziehungen.
- Niedrigpreisige Produkte brauchen Reichweite, einfache Prozesse und Online-Automatisierung.
Eine klare Preisstrategie verhindert, dass Vertrieb und Marketing widersprüchliche Signale senden.
Fazit: Preisstrategie ist Markenstrategie
Die Preisstrategie ist kein einmaliges Projekt, sondern ein zentraler Teil deiner Markenführung. Sie entscheidet darüber, wie du wahrgenommen wirst, welche Kund:innen du anziehst und wie nachhaltig du arbeitest.
Für kleine Marken ist sie besonders wichtig, weil sie den Rahmen für alle weiteren Entscheidungen vorgibt – von der Produktgestaltung über das Marketing bis zur Kommunikation.
Ob du dich für eine Hochpreisstrategie, eine Penetrationsstrategie oder eine Mischform entscheidest, hängt von deiner Markenidentität, deinem Marktumfeld und deinen Zielen ab.
Wichtig ist, dass deine Strategie bewusst gewählt, konsequent umgesetzt und regelmäßig überprüft wird.
Denn: Dein Preis ist mehr als ein Betrag – er ist die wirtschaftliche Übersetzung deiner Marke.
Mehr Informationen
Informationen über Preisstrategien im Produktlebenszyklus.
Deine Strategie ist auch ein wichtiger Punkt für deine Entscheidungen hinsichtlich Black Friday und anderen Rabattaktionen.
Warum Preiswissen eine Geheimwaffe ist.



